Was den Krieg angeht, so hatte Klein-Silber Pech. Pech, dass es so schön gelegen war. Sanfte Hügel und der Einschnitt ins Gelände durch den Fluß Ihna. Ein Gelände, dass die Rote Armee nicht so einfach überrollen konnte, wie so viele andere Dörfer in der Umgebung. Während mancherorts alles noch so aussieht, als wäre die Zeit vor 70 Jahren stehen geblieben, so ist in Klein-Silber beim erbitterten Kampf über 3 Wochen, mit wechselnden Gebietsgewinnen und Verlusten, praktisch alles in Schutt und Asche gefallen.

Aus dem heute nur noch schwer erhältlichen Buch von 1973 Der Kampf um den Kreis Arnswalde im Jahre 1945 von Fritz Mörke sowie aus anderen Online veröffentlichten Berichten wie z.B. einer Zusammenstellung von Roland Pfeiffer, veröffentlicht im Lexikon der Wehrmacht, stammen die folgenden Beschreibungen und farblich markierten Kleinzitate.
Hier aber zunächst noch ein externer Link zu einer > Grafik < eines mir unbekannten Verfassers, die zur besseren Orientierung den Verlauf der Frontlinie im Februar 1945 zeigt.

Wohl am Donnerstag, d. 08.02.1945, einem Tag mit sehr starkem Frost, versuchten die Russen von Glambeck aus das erste Mal Klein-Silber anzugreifen. Sie konnten den Ort nach einigen Vostößen dann auch besetzen und drangen bis zur Ihna-Brücke vor. Dies war der Beginn von 3 Wochen Kampf in und um Klein-Silber.
Das nur 4km nördlich, schon im Kreis Saatzig, liegende Groß-Silber war von den Russen auch eingenommen worden, konnte aber später, gegen 15:00Uhr Nachmittags, wieder mit Hilfe von Schützenpanzern zurück erobert werden, bevor es abends wieder an die Russen fiel.

    Am frühen Morgen des 8. Februar 1945 kommt der Befehl (...) zur Abriegelung eines russischen Vorstoßes (...) nach Ziegenhagen und Klein Silber(...) Bei Antreffen einer starken Feindgruppe auf dem Höhenzug ostwärts der Ihna, erfolgt die Zuführung von zwei weiteren Tigern II ... und etwa 10 weiteren Sturmgeschützen (...) sowie eine Kompanie Fallschirmjäger. Gegen Mittag erfolgt der Angriff, aus der Bewegung heraus, Richtung Ziegenhagen, dem sich auch die Sturmgeschütze (...) anschlossen. Nach dem Niederkämpfen einer Pak-Stellung am Ortsrand von Ziegenhagen, erfolgt der Vorstoß der Fallschirmjäger, beiderseits der Straße, über die kleine Ihna-Brücke auf Ziegenhagen. Schwere Häuserkämpfe folgen, dabei kommt es zum Abschuss eines weiteren, dem dritten russischen Panzer Josef Stalin II. Gegen Abend lag die Kampfgruppe am Südausgang von Klein Silber Richtung Reetz mit 3 TIGER II und nur noch 7 (!) Fallschirmjägern. Spät in der Nacht erfolgt die Zuführung von 3 Fässern Treibstoff (1 Faß je Tiger= 200 l Benzin).

    Am Morgen des 9. Februar 1945 ergeht ein Befehl an die 3 Tiger in Klein Silber, zur Einnahme des restlichen Ortsteiles in Richtung Osten. Der Panzer des Obersturmführer Kaes wird in Brand geschossen und sperrte die Straße für die Sturmgeschütze. Der Spitzenpanzer wurde am Ortsrand von Klein Silber abgeschossen, SS-Untersturmführer Kauerauf wurde dabei schwer verwundet (...) In Klein Silber wurden zwei Tiger II durch Nahkämpfer vernichtet, der dritte Tiger II, der nach Totalausfall der elektrischen Anlage bewegungsunfähig war, wurde von der Besatzung unbrauchbar gemacht.

Für Sonntag, d. 11.02.1945 berichtet der Kommandierende des Panzer Regimentes 101, der spätere Ritterkreuzträger Major Georg Schnappauf :

    Am Nordausgang des Dorfes (Kleinsilber) befand sich (...) eine starke feindliche PAK-Stellung (...) in dieser Stellung fanden wir mehrere deutsche Frauen und Mädchen, die völlig entkleidet und tot auf Stroh und Bettzeug lagen. Sie waren von den Russen solange mißbraucht worden, bis sie starben.

Kleinsilber wurde an diesem Tag nach schwersten Kämpfen mit starken Feindverlusten wieder zurück erobert. Die Situation wird auch von (?) Arnold beschrieben:

    Geschändete und ermordete Frauen, ein Fremdarbeiter der sich für die Frauen eingesetzt haben soll und dem man die Kehle durchgeschnitten hatte, wahllos abgeschlachtete Schweine, in einem Bauernhaus auf dem Tisch Schüsseln mit gekochtem Fleisch und Essensresten, daneben menschlicher Kot auf dem Tisch, brennende Gehöfte, brüllendes Vieh in den Ställen, Tote Verwundete...

Ab Montag, 12.02.1945 griff der Feind die im Ort verschanzten Panzergrenadiere an und versuchte Nachts Panzervorstöße.
Während Reetz und die Kreisstadt Arnswalde schon einige Tage in russischer Hand- und weitgehend ausgebrannt waren wurde die Frontlinie südlich von Klein-Silber noch mindestens bis zum 25.Februar 1945 von der 23.SS Freiwilligen Panzergrenadier Division Nederland gehalten:

    Einheimische berichteten, dass an der Ihna-Stellung bei Kleinsilber hart gekämpft wurde. Der Russe wurde hier dreimal zurück geworfen. 19 Gehöfte des Dorfes wurden durch Kampfhandlungen zerstört. Die Kirche war von deutschen Soldaten wegen Feindeinsicht gesprengt worden. Hier wurden von den Russen aus fremden Trecks 10-15 Personen an der Kirche erschossen.

Nach der Lagekarte war Kleinsilber noch bis zum 28.02.1945 in deutscher Hand. Kommandeur Petersen vom II. Bataillon/49 schreibt:

    Hier hatte sich das Btl. zur Verteidigung einzurichten und eine HKL aufzubauen. Diese Arbeiten wurden laufend von der russischen Luftwaffe gestört, die ungehindert in Hausgiebelhöhe oder über Baumwipfeln springend die Front abflogen und mit Bomben oder Bordwaffen die Schanzarbeiten störte.

Am 01.03.1945 brach dann der lange erwartete große Durchbruch der sowjetischen Armee auf der ganzen Breite der Front los. Gut 1000 Panzer rollten auf insgesamt noch etwa 70 deutsche Tiger Panzer zu. Die verbliebenen Einheiten der Wehrmacht im Raum Kleinsilber und Konraden verloren durch die Angriffe im Morgengrauen zunächst sämtliche Kommunikationsmöglichkeiten mit anderen Verbänden und flüchteten dann nachmittags, während Regen- und Schneeschauern, in den Raum Falkenwalde, westlich von Klein-Silber gelegen. Am Abend des 1. März erhielt die Division Befehl sich nach Dramburg zurückzuziehen. Der Kampf um den Kreis Arnswalde war nun, mit dem Fall der letzten Verteidigungslinien nahe Klein-Silber beendet.
Am 20. März wurden dann alle deutschen Stellungen auf das Westufer der Oder zurückgezogen und der Kampf um Berlin begann... Pommern war nun in russischer Hand.


StallKreuzDie Heimat war zerstört und verloren. Zuwanderer aus anderen polnischen Regionen, meist selbst von den Russen vertrieben, siedelten in den folgenden Monaten nach Pommern um. Mit dem Görlitzer Abkommen von 1950 wurde von der DDR-Regierung, auch auf Druck Russlands hin, die Oder-Neiße Linie als neue Grenze zwischen Deutschland und Polen, und damit der endgültige Verlust dieser seit Jahrhunderten von Deutschen bewohnten Gebiete, anerkannt.

Und Klein-Silber? Fast alle Häuser im Dorf waren zerstört. Die Kirche nur noch eine Ruine. Ein einziges Wohnhaus und wenige Wirtschaftsgebäude im Dorf standen noch. Etwas entfernt, in Klein-Silber Abbau blieben zwar einige Höfe erhalten, aber seit dem Krieg verfallen viele dieser übrig gebliebenen Gebäude zusehends. Dächer sind eingestürzt, Schutthaufen ehemaliger Häuser sind überwuchert, der auch der Friedhof ist als solcher praktisch nicht mehr zu erkennen. In den letzten Jahren wurden in Suliborek nur sehr wenige Häuser neu gebaut und fast nichts von der verbliebenen Substanz renoviert.

Das Fotoalbum zeigt Bilder aus den Jahren 2008 & 2009. Vergleicht man dies mit dem Bebauungsplan von 1945 so sieht man, das von Klein-Silber fast nichts mehr übrig geblieben ist... ausser wehmütigen Erinnerungen an ein schönes, kleines Dorf an der idyllischen Ihna...


Man sagt heute rückblickend, dass es im Großraum Arnswalde prozentual die ”höchsten Verluste an der Zivilbevölkerung” gab. Es gab dort praktisch den letzten nennenswerten Widerstand der Wehrmacht, bevor diese von der russischen Winteroffensive nach Westen über die Oder getrieben wurde.

Hier ein Augenzeugenbericht der Flucht aus Klein-Silber:

    Wir sind am 6.2. unter schwerem Beschuss in Richtung Norden geflüchtet. Die Flucht war bei den Nazis nicht gern gesehen. Auch wollten die Bauern nicht gerne gehen. Bürgermeister Schönherr hat aber dafür gesorgt, dass sie auch gehen. Ich war damals 9 Jahre alt und kann mich daran erinnern, dass ich unterwegs in einer Kneipe eine ganze Nacht auf seiner Pistole mit Gürtel liegend verbracht habe. Er ging immer in SA Uniform vorne weg. Kurz nach unserem Aufbruch lag dann unser Ziel im Kreis Anklam bei der Trekführung vor.

    Als wir Anfang März abends dort ankamen konnten aber wegen der Größe des Trecks nicht alle unterkommen. Eine Hälfte fand eine Notunterkunft im Kreis Anklam um den Ort Krien herum, die andere Hälfte des Trecks musste in die Nähe des Ortes Wusterhusen im Kreis Greifswald weiter ziehen.

    Die Einwohner aus dem Nachbardorf Ziegenhagen verschlug es nach Ferdinandshof südlich von Anklam. Auf Rügen bei Gingst landete fast das gesamte Dorf Schwanenbeck aus dem Kreis Saatzig.


Der Krieg im Februar 1945 in Klein-Silber


Letzte Aktualisierung: 25.05.2009
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