HRB-1988-Folge-202
(Historisches Foto aus Klein-Silber. Aufgenommen auf der Dorfstraße, von Groß-Silber kommend in Richtung Kirche. Mit freundlicher Genehmigung entnommen aus dem Heimatkgrußrundbrief Arnswalde Nr. 202 von 1988 - Seite 1).

Nach gut 1000 Jahren Besiedlung und Geschichte ist heute kaum noch etwas vom Dorf Klein-Silber geblieben. Erste Hinweise auf die Urzeiten des Dorfes gibt der am südwestlichen Ortsrand liegende so genannte Burgwall. Ausgrabungen und Überlieferungen besagen, dass dort auf der Anhöhe am Fluß Ihna eine von mehreren slawischen Burgen, vermutlich des westslawischen (wendischen) Stammes der Polanen, lag. Diese bevölkerten die Region grob gerechnet ab dem 7. Jahrhundert bis etwa zum 10. Jhd. und bauten solche Befestigungen an einigen Siedlungsplätzen aus.

Auch der Name des Dorfes deutet weniger auf den Fund eines Edelmetalls hin als vielmehr auf einen slawischen Edlen Zilbur bzw. Sulibor, der “tapfere Kämpfer”. Von ihm lässt sich auch der Name des jetzigen, an der Stelle von Klein Silber liegenden, polnischen Dorfes Suliborek ableiten. Die Schreibweise Kleinsilber bzw. Klein-Silber mit Bindestrich variiert im Laufe der Zeit.

1294 wird 4km weiter südlich, auf den zerfallenen Resten einer anderen wendischen Burgsiedlung, von Zisterziensern, die den zum größten Teil unbewohnten Raum östlich der Elbe kolonisieren, ein Kloster gebaut. Die Askanier, unter den gemeinsam regierenden Markgrafen Johann I. und seinem Bruder Otto III. (der Fromme), siedeln im Rahmen ihrer Ostexpansion Siedler aus dem Westen hier an. Schon 1296 nennt man diesen Ort bereits die Stadt Reetz.

Gleichzeitig findet man auch die erste urkundliche Erwähnung von Kleinsilber, als den Klosterjungfern vom Kloster Reetz “10 Hufe dort zu eigen gegeben wurden”, was soviel heißt wie dass sie Eigentümer von 10 Stücken Land wurden um diese zu bewirtschaften. Nur wenig später, im Jahr 1304 gehört das ganze Land um Kleinsilber mit 52Hufen (einfachen Höfen mit vielleicht je 5-30 Hektar) zum Kloster Reetz.

1326 verwüstete Władysław I. “Ellenlang” mit litauischer Unterstützung die Neumark. Auch Kleinsilber wird im Landbuch der Neumark von 1337 als wüst bezeichnet. Der Deutsche Orden zog in den Krieg gegen die “litauischen Heiden” und beherrschte 1402 die Neumark.
Schon 1410 (andere Quellen sagen 1419) richteten polnische Truppen erneut schwere Schäden in der Region an.
1469 überfiel dann auch noch der pommersche Herzog Erich II. während seines Krieges gegen den brandenburgischen Kurfürsten Friedrich II. nochmal diese an der Grenze zu Hinterpommern gelegene Region und verwüstete dabei auch die Stadt Reetz.


Im Erbregister des Amtes Reetz aus dem Jahre 1590 wird das Amtsdorf Kleinsilber Lütken-Silber genannt.

Kirche-ZeichnungDer Kirchhof ist gemauert und in gutem Baulichen Wesen. Die Kirche ist gar gemauert und wohl gebaut und mit Dielen bekleidet, unlängst gebauet, darinnen hängen 2 Glocken, darunter eine große und eine mittelmäßige. In der Kirche ist ein steinerner Altar, darauf ist eine alte Bildertafel. Kleinsilber wurde als Filialkirche vom Kaplan in Reetz betreut. Der Küster wohnte in Kleinsilber.

Die beiden Kirchenhufen wurden >dem Gotteshause von den Bauern zum Besten gepflügt, besäet und eingeernted.< Das übrige Kirchenland war verpachtet.

Allhier wohnt ein freier Lehnschulze, Tewes Hille genannt, hat vier freie Lehnhufen und einen wüsten Kossätenhof vor dem Ende, freie Schäfereigerechtigkeit, item Holzung, Fischerei und andere Gerechtigkeit mehr laut seines Lehnbriefes, tut und dienet der Herrschaft (dem kurfürstlichen Amt Reetz) besage desselben (gemäß Lehnbrief).

Die Namen der 21 Hüfner waren: Max Ruhloff, Jakob Brüssow, Tewes Felhaber, Tewes Brates, Peter Hille, Hans Folgker, Franz Felhaber, Merten Werdin, Thomas Kalkbrenner, Jörs Schröder, Augustin Felhaber, Chim Hille, Simon Salzwedell, Merten Neumann, Merten Felhaber, Hans Krüger, Merten Bleiche, Max Zuliche, Hans Brüssow, Peter Folgker und Jürgen Brades.
Jeder besaß zwei Hufen und bezahlte dafür 22 Silbergroschen und 6 Pfennige an das Amt Reetz und 1 Silbergroschen und 6 Pfennige für den Hof. Der Geldzins für Hans Folgker und Krugzins für Peter Hille waren geringer. Von jedem Bauern waren Pflug- und Wagendienste zu leisten und ein Rauchhuhn und 15 Eier abzugeben.
Die 5 Kossäten waren Hans Chorto, Barchard Schulz, Peter Kumbier, Peter Stibbe und Merten Simon. Schulz, Kumbier, Stibbe und Simon hatten 2 Bauernhufen unter sich verteilt, gaben Geldzins, ein Rauchhuhn und 8 Eier und leistetem dem Amt Reetz Hand- und Fußdienste.


Anfang des 19. Jahrhunderts lag Klein-Silber mitten im Königreich Preussen. Im Osten das Herzogtum Warschau, im Westen hatte Napoleon seinen Rheinbund schon bis nach Vorpommern, in den Raum Neustrelitz hin ausgedehnt, südwestlich waren auch die Gebiete bis hin zu Cottbus und Görlitz Mitglied dieser Allianz. Greifswald und Rügen waren seit vielen Jahrzehnten ein Teil von Schweden.
1812 besetzte Napoleon dann nicht nur diese schwedischen Gebiete in Vorpommern sondern stürmte im Juni auch durch Preussen und über die Memel auf Moskau zu. Für Russland begann damit der vaterländische Krieg. Mitte September konnte sich Napoleon im Kreml als Sieger feiern (lassen).
Knapp einen Monat später konnte Russland die Franzosen wieder aus Moskau vertreiben. In diesem Chaos, während des Rückzuges der Franzosen, stellten sich immer mehr deutsche Staaten in den Befreiungskriegen gegen die Allianz von Franzosen und Polen bis es im Oktober 1813 zur Völkerschlacht bei Leipzig kam, bei der Napoleon vernichtend geschlagen wurde. In der Folge kam es zum Wiener Kongress, der auch Folgen für Klein-Silber hatte.

In der Kirche von Klein-Silber hingen in den 1930er Jahren ca. 30 Namenstafeln von Männern, die in vorhergehenden Kriegen gefallen waren. Ausserdem auch mindestens 5 Orden auf einer Tafel, die an den Krieg in Preussen im Jahr 1813-14 erinnert.

Orden


Anfang des 19. Jahrhunderts betrug die Einwohnerzahl nur 238. Anfang des 20. Jahrhunderts aber schon 547, verteilt auf 117 Haushalte in 100 Wohnhäusern.

Kirche-nno
(Aufgenommen etwa von hier in Richtung NNO)

“Die Kirche ist nicht mehr der im Erbregister von 1590 beschriebene Bau sondern ein neueres Gebäude aus der 2. Hälfte des 19. Jahrhundert, geräumig und hell doch ohne bemerkenswerte Innenausstattung. Granit und Ziegel teilen sich das Mauerwerk. Der um eine Stufe erhöhte Altarraum ist eingezogen und aus fünf Seiten des Achtecks geschlossen. Während er Rippengewölbe zeigt ist das Schiff der Kirche oben durch eine Firstdecke abgeschlossen. Der Ostgiebel ist stufenartig gestaltet, durch schlanke Blenden gegliedert und durch ein Storchennest belebt. Von den beiden Glocken ist die kleinere neu, während die größere aus dem 16. Jahrhundert stammt.”

In der Welt habt ihr Angst aber seid getrost. Ich habe die Welt überwunden.
(Johannes 16,33)

Kirche-Altar1
Kirche-Altar2
(Historische Fotos der Kirche und des Innenraums der Kirche von Klein-Silber im Jahre 1936. Aus dem Nachlass von Kirchendiener Korth. Mit freundlicher Genehmigung entnommen aus dem Heimatgrußrundbrief Arnswalde Nr. 242 von 1998 - Seite 24, eingescannt von Originalfotos in der Heimatstube in Wunstorf).


1924 stehen im Adressbuch von Klein-Silber neben vielen Landwirten, Eigentümern, einigen Arbeitern, einem Maurer und einem Lehrer u.a. auch
  • eine Angestellte in der PosthilfsstelleKlein-Silber Kreuz und zerstörte Kirche
  • ein Steinschläger
  • ein Müllermeister
  • ein Fleischermeister
  • ein Schneidermeister
  • ein Schmiedemeister
  • ein Stellmachermeister
  • ein Tischlermeister
  • ein Schumachermeister
  • ein Gast- und Schankwirt
  • zwei Bäckermeister

Das Gebiet, dass zu Klein-Silber gerechnet wurde, bestand nicht nur aus dem Dorf ansich sondern auch aus Feldern und Ländereien mit einzelnen Höfen bis zu 2km östlich. Dies nannte man den Ortsteil Klein-Silber Abbau bzw. Ausbau. Dort gab es 1924 auch einen Getreide- und Kartoffelhändler, der sogar schon ein Telefon hatte. Die Nummer “Reetz 18”. Von Klein-Silber Ausbau sind heute noch viele Gebäude erhalten und die Grundstücke bewirtschaftet. Nur die damaligen Windmühlen existieren nicht mehr.


Nächster Bezugspunkt war immer die rund 3km südlich gelegene Stadt Reetz. Dort gab es nun auch schon einen Bahnhof, die Dorfkirche war seit Jahrhunderten der von Reetz angeschlossen und auch die Post für Klein-Silber wurde in Reetz sortiert und dann über die Poststelle in Kleinsilber verteilt.
Für das Gericht und die Finanzen war man in der Kreisstadt Arnswalde zuständig, etwa 16km südwestlich gelegen.

Wassermühle an der Ihna bei ZiegenhagenLand- und Forstwirtschaft dominierte diese Region an der Grenze zwischen dem Kreis Arnswalde, zu dem Klein-Silber gehörte und dem Dorf Ziegenhagen im Kreis Saatzig. Der kleine Fluß Ihna liegt zwischen diesen Dörfern. Eine Wassermühle, die man schon Ziegenhagen zurechnete, wurde dort an der kleinen Brücke betrieben. Damals gehörte sie Emil Kapitzke. Selbst Ende der 1970er Jahre war sie noch in Betrieb. Heute wird dort ein Fischrestaurant betrieben. Nur wenig nördlich befand sich das Dorf Groß-Silber. Auch dies gehörte schon zum Kreis Saatzig.

Organisatorisch gehörte das Gebiet des Kreises Arnswalde viele Jahrhunderte zur Mark Brandenburg und lag in der Region Neumark. Als Ergebnis des Wiener Kongresses von 1815 fiel der nördliche Teil des Kreises Arnswalde dann aber Pommern zu und lag nun im Regierungsbezirk Frankfurt/Oder. 1938 folgte dann auch der südliche Teil zusammen mit der Kreisstadt Arnswalde in die Region Pommern.

Ruine der Dorfkirche von Klein-SilberDas Ende für Klein-Silber kam Anfang Februar 1945, als die Rote Armee hier tagelang schwere Kämpfe mit der Wehrmacht führte und mehrere Durchbrüche in beiden Richtungen stattfanden. Wechselnde Gebietsverluste führten dabei zu schwersten Zerstörungen. Ein Grossteil der noch verbliebenen Bevölkerung flüchtete in der Nacht des 06. Februar 1945 bei eisiger Kälte Richtung Nörenberg. Praktisch alles musste zurückgelassen werden. Das Land, auf dem schon Generationen von Vorfahren gewirtschaftet hatten, das Haus, in dem man geboren wurde, das Vieh, das vor Hunger schreiend in den Ställen verblieb, die Kirche, in der man getauft wurde, die Erinnerungen an die Kindheit... Die Heimat...

Von den Kämpfen und dem Grauen nach der Russischen Besetzung an den verbliebenen Personen in der Gegend berichten viele erschütternde Beschreibungen, die man im Internet findet. Weitere Details über die Kriegszeit finden sich auf der nächsten Seite.


Über die Geschichte der Region um Klein-Silber


Letzte Aktualisierung: 25.05.2009
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